WR547 Alkuin und die karolingische Minuskel

 

wrint_geschichtsunterricht_120Diesmal erzählt Matthias von Hellfeld von Alkuin, einem Gelehrten am Hofe Karls des Großen. Alkuin hat im Frühmittelalter den Grundstein für eine Wissensgesellschaft gelegt und ist – unter anderem – verantwortlich für eine umfassende Bildungsreform, deretwegen wir heute die Schrift schreiben, die wir schreiben: Die karolingische Minuskel.

Die passende Ausgabe von DRadio Wissens „Eine Stunde History“ ist vom 5. Juni 2016.

6 Gedanken zu „WR547 Alkuin und die karolingische Minuskel

  1. Jürgen Bernhard

    Tja, was wird von unserer Zeit übrig bleiben?

    Damals gab es Kopisten, heute gibt es Digitalisate, die vielleicht in – optimistisch gerechnet – zwanzig Jahren mangels fehlender Hard – und Software nicht mehr gelesen werden können.

    Auch auf das eigentliche Thema bezogen: Wieder eine sehr interessante Sendung. Ich sehe dich noch als Universalgelehrten, denn mittlerweile gibt es kaum ein Themenfeld, dass du nicht besetzt, noch dazu mit hohem Sachverstand und sehr einfühlsamer Gesprächsführung. Weiter so!

    Antworten
    1. alex

      Zunächst einmal wird ja auch heute noch sehr viel auf Papier geschriebenes oder gedrucktes produziert. Pro Jahr definitiv mehr als zu Alkuins Zeiten (schon alleine weil es wesentlich mehr des Schreibens mächtige Menschen gibt), und ich halte es für nicht unwahrscheinlich, dass es sogar mehr ist als je zuvor.

      Und solange man digitale Daten nicht als tote Daten betrachtet, sehe ich den Wandel in Hard- und Software auch nicht als ein Problem an. Hardware verschwindet ja nicht von einem Moment auf den anderen, sondern es gibt immer einen gewissen Übergangszeitraum, in dem sowohl die alte als auch die neue Generation von Geräten vorhanden ist. Und dann kopiert man die Daten einfach herüber.

      Mit den antiken Schriften hat man das ja auch gemacht. Heute geht nur das Kopieren wesentlich einfacher, dafür muss es vermutlich öfter gemacht werden.

  2. Norbert

    Ein langer Text, und es geht eigentlich nur um die Einleitung 🙂

    Ich verstehe die Aussage nicht, daß das Römische Reich 476 mit dem Putsch eines zweitklassigen Generals gegen einen minderjährigen Usurpator untergegangen sei, und damit eine Wiederherstellung des Reiches unter Kaiser Karl nötig geworden wäre. 330 hat Kaiser Konstantin I. die Hauptstadt des Gesamtreiches nach Byzantion verlegt (später Konstantinopel, heute Istanbul). Spätestens ab da spielte die Musik nicht mehr im Westteil des Reiches. Der Ostteil hatte eine größere Bevölkerung und höhere Wirtschaftskraft, konnte sich bis 1204 als Großmacht behaupten, und bestand in Resten bis 1453 fort – immer im Anspruch, das Imperium Romanum zu sein. Nebenbei: Als Odoaker die bei Romulus Augustulus gefunden Insignien des Westkaisers an Kaiser Zeno in Konstantinopel schickte, zusammen mit dem Angebot, dem Kaiser Treue zu schwören, verwies in dieser an den von ihm eingesetzten Kaiser des Westens: Julius Nepos (474-80)

    Der Hintergrund der Kaiserkrönung Karl des Großen dürfte viel profaner gewesen sein, als irgendwelche theologischen Überlegungen über den Weltuntergang.

    Die Römischen Kaiser der Spätantike und des Mittelalters haben immer den Anspruch gehabt, an der Spitze der Gesamtkirche zu stehen – also über Papst und Patriarchen – und damit auch über die Besetzung wesentlicher Kirchenämter bestimmen zu können. Nach dem Zusammenbruch des Westreichs war es den Truppen Kaiser Justinian I. 537 gelungen, den größten Teil Italiens wieder unter Kontrolle Ostroms zu bringen. Für die nächsten 200 Jahre benötigte jeder Papst die Zustimmung des Römischen Kaisers, um sein Amt antreten zu können – bis diese das aufgrund des militärischen Drucks der Araber (Belagerung Konstantinopels 717-18) und einiger anderer Katastrophen nicht mehr durchsetzen konnten. Zacharias (741-52) war der letzte Papst, der sich seinen Posten in Konstantinopel bestätigen ließ.

    Allerdings war mit dem Machtanspruch der Kaiser auch immer ein Schutzversprechen verbunden. Und das ausgehende 8. Jh. war auch in Italien eher unruhig. Ostrom herrschte im Süden der Halbinsel, die Franken im Norden. Dazwischen lag das Königreich der Langobarden, das in Kriegen mit seinen Nachbarn nach und nach zerrieben wurde. Zudem gab es mehrere arabische Invasionsversuche und Piratenüberfälle (von 827 bis 1081 existierte auf Sizilien ein Islamisches Emirat, das zeitweise die gesamte Insel umfasste).

    Die These ist jetzt folgende: Die Päpste haben sich durch geschicktes Lavieren und Ausnutzen politischer Gegebenheiten aus der Bevormundung durch die Kaiser befreien, und auch einiges an weltlicher Macht auf sich ziehen können. Da sie aber über keine nennenswerte militärische Macht verfügten, mussten sie sich durch geschickte Bündnispolitik absichern – und da bot sich in erster Linie das Frankenreich an. Die Kaiserkrönung Karls war letztlich ein Versuch, sich endgültig von Machtansprüchen aus Konstantinopel zu befreien, und ist dabei nur der Höhepunkt einer längeren Geschichte: bereits 739, 754 und 771 griff das Frankenreich zu Gunsten der Päpste militärisch in Italien ein.

    797 geschah etwas, was nur in Monarchien passieren kann: Kaiser Konstantin VI. starb, ohne männliche Erben zu hinterlassen. Die Regierung übernahm seine Mutter, Kaiserin Irene. Und der Papst dachte sich: „Eine Frau? Frauen sind zum regieren ungeeignet. Ha! Der Thron ist vakant!“ Er hat Karl dem Großen also nicht die Krone des untergegangenen Weströmischen Reiches auf das Haupt gedrückt, sondern die Krone des Oströmischen Reiches – vielleicht in der vagen Hoffnung, so eine Revolte in Konstantinopel auszulösen, und dort einen ihm genehmen Kaiser einsetzen zu können. Auf jeden Fall aber nicht aus Sorge um den Fortbestand der Welt.

    Kaiser Karl soll von der Zeremonie und dem ganzen Rummel übrigens sehr beeindruckt gewesen sein. Nicht zuletzt von der Flottenparade, die Kaiserin Irene ihm zu Ehren im Tyrrhenisches Meer ausgerichtet hat. Leider zwangen ihn dann dringende Termine im Norden, eiligst abzureisen…

    Antworten
    1. Matthias von Hellfeld

      Das ist ja fast ein neuer Vortrag. Er zeugt jedenfalls von viel Wissen – also Chapeau.

      Ein paar Bemerkungen:

      – Der oströmische Kaiser war 800 längst nicht mehr so mächtig und er sah sich zudem einer fortschreitenden Ausbreitung des muslimischen Herrschaftsbereichs ausgesetzt: Armenien, Syrien und Zypern waren muslimisch, Konstantinopel war selbst schon zweimal umkämpft gewesen.

      – Karl war Christianisierer und kannte die Bibel natürlich. Die dort zu lesende Prophezeiung des Weltuntergangs nach dem Ende des 4. Weltreichs mündete bei ihm in der „Translatio Imperii“ – also der Übertragung des Imperiums an ihn. Und durch ihn wurde der biblisch beschworene Weltuntergang verhindert. Auf diesem Gedanken basierten viele spätere Regentschaften deutsch-römischer Kaiser. Otto der Große und Otto III. machten daraus die „Renovatio Imperii“ – also die Wiederherstellung von Rechten des Imperium Romanum. Man kann diesen Gedanken nachverfolgen bis Barbarossa.

      – Die damalige Menschheit war – wie die heutige – auf der Suche nach dem Sinn. Damals fanden sie eine Art Triangel: GOTT in der Spitze und rechts und links der PAPST und der KAISER: Gott lenkt das Weltengeschehen mit Hilfe seines Vertreters, des Papstes, der vom weltlichen Herrscher, dem Kaiser, beschützt wurde. Als Gegenleistung wurde die weltliche Macht mit dem damals enorm wichtigen geistlichen Segen ausgestattet und in der Christenwelt damit legitimiert. Also: win-win.

      – Wie sehr Karl und sein „Brain“ Alkuin von dem Gedanken der „Weltenrettung“ überzeugt waren, zeigt auch die „karolingische Renaissance“. Es reichte beiden offenbar nicht, nur eine Schrift und viele neue Gesetze zu entwickeln, eine gemeinsame Währung einzuführen und die Gewichte zu vereinheitlichen. Sie wollten auch das alte Wissen, wissenschaftliche Forschungsergebnisse, Literatur und Philosophie der alten Griechen oder die Gesetzessammlungen der Römer retten. Ein gerettetes Weltreich ohne deren intellektuellen Hinterlassenschaften schien sinnlos.

    2. Norbert

      Vielen Dank für die Blumen 🙂 Ich hangel mich da ein wenig an Machiavelli entlang („Untersucht man sorgfältig die Vergangenheit, so ist es ein Leichtes, die zukünftigen Ereignisse vorherzusehen…“,Discorsi, I, 39). Und ich gehe immer davon aus, daß die tatsächlichen Motive nicht mit der Außendarstellung der handelnden Personen übereinstimmen müssen.

      Ich habe mit der „Translatio Imperii“ kein Problem, wenn man sie als Übertagung der Kaiserwürde von Irene auf Karl, von Ost nach West, ansieht. Das passt zu der Motivation, die ich Leo und Karl unterstelle. Es war eine unfreundliche Geste einer Großmacht gegenüber einer anderen (nicht anders als heute auch). Der Papst demonstrierte, daß er sich von Konstantinopol nichts mehr sagen lassen wollte, und Karl der Große gewann an Legitimation, die er als zweiter König einer noch jungen Dynastie dringend benötigte.

      Was ich nicht nachvollziehen kann, ist der Bezug auf die spätantiken Kaiser Westroms, vor allem auf das Kaierlein Romulus. Was ist um 800 passiert, daß eine „Translatio Imperii“ plötzlich so dringend wurde, nachdem sie über 300 Jahre lang keine Rolle spielte?

      Meine Interpretation kommt mir da einfacher vor: Als 797 Irene als erste allein regierende Kaiserin der römischen Geschichte die Macht ergriff, dürfte nicht nur aus theologischer Sicht die Kacke am Dampfen gewesen sein. So wie die vorchristlichen Kaiser sich als Götter verehren ließen, dürften auch ihre christlichen Nachfolger auf einer den Unterntanen gegenüber überhöhten Postion bestanden haben. JJ Norwich schreibt, sie seien den Aposteln gleich gestellt gewesen (ἰσαπόστολος) – und mit Irene von Athen gab es plötzlich einen weiblichen Apostel… Da dürfte es dem Papst leicht gefallen sein, darin den Untergang des Abendland…, äh des Vierten Weltreichs zu erkennen und Maßnahmen zur Verhinderung der nun zu erwartenden Apokalypse einzuleiten.

      In Konstantinopel wurde die Apokalypse übrigens durch einen Putsch verhindert, angeführt vom Finanzminister, der 802 als Nikephoros I den Thron bestieg.

      Sicher waren die Oströmer um 800 nicht mehr so mächtig wie einst. Aber sie haben sich aus dem Tief wieder herausgearbeitet, so daß z.B. Basil II 200 Jahre später nicht nur auf dem Balkan und in Kleinasien die römische Herrschaft vollständig wiederherstellen, sondern auch in Gebiete expandieren konnte, die nie zuvor zum Römischen Reich gehört hatten. Und die Araber waren nicht die ersten, und sollten auch nicht die letzten sein, die an den Mauern Konstantinopels scheiterten.

      Jetzt weiß ich nicht, seit wann sich die unmittelbare Verbindung des mittelalterlichen, westlichen Kaisertum mit den Kaisern der Antike in der Literatur findet. Es könnte aber eine Erfindung der Ottonen sein. Diesen ist es im Gegensatz zu den Karolingern gelungen, von den Oströmischen Kaisern als gleichberechtigt, als Kaiser des Westens, anerkannt zu werden (in Übertragung spätantiker Verhältnisse). Das erforderte einiges an diplomatischem Geschick, und eine Uminterpretation der Ereignisse von 800 könnte dazu gehört haben. Diese diplomatische Leistung wiegt um so schwerer, als es die Ottonen mit Herrschern wie dem oben genannten Basil II zu tun hatten, die aus einer Postion der Stärke heraus handeln konnten.

      Wie gesagt, es ging mir nur um die Einleitung. Alkuins Leistung will ich nicht bestreiten.

  3. Nina

    Eine recht interessante Folge, in der viel Informatives in schön komprimierter Form präsentiert wurde.

    Was mir nur gefehlt hat:
    1. Der volle Name: „Alkuin von York“

    und 2. Die Tatsache, dass Alkuin als Hochsprache wieder das klassische Hochlatein eingeführt hat, das dann das degenerierte Merowingerlatein abgelöst hat.
    Hintergrund ist Folgender: In England und Schottland (das ja früher auch zum antiken römischen Reich gehörte) war Latein eine Fremsprache und wurde dementsprechend nicht weiterentwickelt und erhielt sich in seiner „konservierten“ Form.
    Im Gebiet des hl. römischen Reiches dagegen war Latein Sprechsprache und dementsprechend Sprachwandlungen unterworfen.
    Alkuin setzte nun als Hochsprache wieder das klassische Latein durch (v.a. in der Klerikerausbildung).

    Allgemein find ich das neue Segment super. Bin gespannt auf weitere Themen.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.