WR580 Die Türkei

 

wrint_geschichtsunterricht_120Aus Anlass des Putschversuches in der Türkei erzählt Matthias von Hellfeld, warum die Türkei ein so zerrissenes Land ist und schlägt vor, wie wir mit ihr umgehen könnten.

Die hierzu passende Ausgabe von DRadio Wissen „Eine Stunde History“ ist vom 14.8.2016.

13 Gedanken zu „WR580 Die Türkei

  1. Caroline

    Hallo Holger,
    wieder eine tolle Sendung. Aber bei dem Bezug auf die DRadio Wissen Sendung ist dir ein Fehler unterlaufen. Im Podcast sprichst du vom 14. August und hier im Text steht 14. Juli.

    liebe Grüße
    Caroline

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  2. tp1024

    Wenn ihr schon beim geschichtlichen Hintergrund aktueller Konflikte seit, könntet ihr euch ja auch mal Afghanistan vornehmen und die Kriege die dort seit 200 Jahren toben. Vor allem „The Great Game“ – der Konflikt zwischen den Briten und den Russen im 19. Jahrhundert in der Gegend.
    https://en.wikipedia.org/wiki/The_Great_Game

    (Legt es halt auf den Stapel. Vergesst den Lawinenpieper nicht, falls er umfällt, damit ihr wieder ausgebuddelt werden könnt.)

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  3. Lars Bädeker

    Informativ und unterhaltsam wie immer, vielen Dank! An ein paar Stellen möchte ich aber konstruktiv widersprechen (und versuche mich dabei halbwegs kurz zu fassen, so schwer es fällt):

    Erstens: Türkischer Laizismust ist nicht die strikte Trennung von Staat und Kirche, wie von Holgi behauptet. Er ist gar das exakte Gegenteil, nämlich die strikte Kontrolle der Religion DURCH den Staat. Ein schönes Indiz hierfür ist, dass die oberste religiöse Autorität im Lande die staatliche Religionsbehörde Diyanet ist, welche dem Ministerpräsidenten untersteht. Sie ist verantwortlich für die Ausbildung von Imamen und den Bau und die Instandhaltung von Moscheen im Land und gibt außerdem religiöse Interpretationen und Empfehlungen bezüglich des Lebenstils usw. ab. Staat und Religion sind also institutionell und praktisch sehr eng verflochten.

    Mein zweiter Punkt schließt hier direkt an. Zeitweise klingt es in eurem Gespräch so, als würdet ihr dem Autoritarismus der AKP den „liberalen“ oder „sozialdemokratischen“ Kemalismus gegenüberstellen. Die Sache ist allerdings etwas komplzierter: Auch der Kemalismus ist in seinem Kern zutiefst autoritär, nicht umsonst ist der Etatismus einer seiner sechs Grundpfeiler. Die Religion war von diesem Autoritarismus in hohem Maße betroffen, da sie besonders zur Zeit der Republikgründung, welche ja mit der Abschaffung des Kalifats einherging, eine enorme politische Konkurrenz für den Kemalismus darstellte. Zur Erinnerung: Der Kalif war nicht nur weltliches Oberhaupt des osmanischen Reiches, er beanspruchte auch die religiöse Autorität über die gesamte islamische Welt und fußte einen Großteil seiner Macht auf seine Nachfolge Mohammeds. In diesem Sinne war“the invention of the ‚Turk‘ … essential to replace the Muslim as the political subject“ (Sayyid 1997: 66), um einen „westlichen“ Staat wie er Atatürk vorschwebte zu etablieren.

    Religion und Staat in der Türke gehören also nicht erst seit der AKP zusammen. Es ist lediglich so, dass für einen Großteil der Zeit seit der Gründung der Republik der Staat aktiv daran gearbeitet hat, die Religion aus dem öffentlichen und politischen Leben herauszuhalten (siehe Verbot religiöser Kleidung in der Öffenlichkeit, Verbot als zu religiös wahrgenommener Parteien, usw.). Nun sitzen jedoch in Diyanet und Regierung Leute, für die die Religion durchaus ein Teil der des öffentlichen und politischen Leben sein soll, und die ihr Leben lang nichts anderes vorgelebt bekomemn haben, als dass eine staatliche Behörde über die religiöse Autorität verfügt. Die Anthropologin Jenny White hat die diesbezügliche heutige Situation sehr schön zusammengefasst: „Kemalism has been largely dethroned, but the levers of power it developed remain in place“ (White 2014: 356). Die gleichen Mechanismen und Strukturen, die vorher zur Verdrängung der Religion aus Öffentlichkeit und Politik genutzt wurden, werden nun eben von Anhängern des politischen Islams in die andere Richtung genutzt. Hier kommen wir zum nächsten Punkt: dem politischen Paternalismus. Holgi hat das schön als „Erdoğan möchte der neue Sultan sein, der weiß, was gut für alle ist“ beschrieben (keine wörtliche Wiedergabe). „Atatürk“ bedeutet nicht umsonst „Vater der Türken“. Erdoğan hat diese Rolle unter Rückgriff auf kemalistische Diskurse (Nationalismus, Beschwörung äußerer und innerer Feinden, ich nenne das auf Englisch gerne „Kemalist threat paradigm“), die er gekonnt mit AKP-Diskursen (Idee der „millet“, der Einheit von Volk, Nation und Religion) kombiniert, übernommen – dadurch ist er gleich doppelt legitimiert und seine Gegner sind automatisch die Feinde der gesamten Nation (und des Staates). White dazu: „“Democracy [in Turkey] is widely understood as a mandate for the winning party to impose its values. Here again the patriarchal family serves as an explicit model for the relationship between Father State and his citizen children“ (White 2013: 185). Oder wie einer meiner Informanten während meiner Feldforschung in der Türkei es ausdrückte: „In Turkey, everybody always thinks he knows what is best for you. The politicians are just like my uncle who tries to tell me how to bury my father, because he thinks I don’t know it myself“.

    —-
    Sayyid, Bobby (1997). A Fundamental Fear: Eurocentrism and the Emergence of Islamism.
    London and New York: Zed Books.

    White, Jenny (2013). Muslim Nationalism and the New Turks. Princeton and Oxford: Princeton
    University Press.

    White Jenny, (2014). „Turkey at a Tipping Point“ in Current History, 113, pp. 356-361.

    Bei Interesse ebenfalls zu empfehlen:

    Azak, Umut (2010). Islam and Secularism in Turkey: Kemalism, Religion and the Nation State.
    London: I.B. Tauris.

    Houston, Christopher (2013). „Thwarted Agency and the Strange Afterlife of Militant Laicism in Turkey“ in Contemporary Islam, 7:3, pp. 333-351.

    Kars Kaynar, Ayşegül (2015). “AKP’s Authoritarianism and Post-Politics” in Centre for Policy and Research on Turkey (ResearchTurkey), 4:7, pp.20-30, retrieved from http://researchturkey.org/?p=9317

    Moudouros, Nikos (2014). „Rethinking Islamic Hegemony in Turkey through Gezi Park“ in Journal of Balkan and Near Eastern Studies, 16:2, pp. 181-195.

    Yel, Ali Murat and Alparslan Nas (2013). „Insight Islamophobia: Governing the public visibility of Islamic lifestyle in Turkey“ in European Journal of Cultural Studies, 17:5, pp. 567-584. [AKP-nahe Wissenschaftler, ich widerspreche sehr vielem was in dem Artikel gesagt wird, gibt aber interessante Einblicke in die Perspektive der „anderen Seite“]

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    1. DocDblU

      In dem Zusammenhang mal eine Frage: Im Strassenbild hierzulande sieht man häufiger Autos, auf denen Kemal Atatürks Unterschrift oder Silhouette als Aufkleber prangt. Wie ist das zu verstehen? Ist das eine (leise) Form der Kritik an den derzeitigen Verhältnissen? Oder entspringt das der „normalen“ Atatürk-Verherrlichung, die man allen Ortens in der Türkei beobachten kann (zumindestens damals Ende der 80er, da war ich dort mal für 3 Monate).
      Oder ist das schon zu komplex gedacht?

  4. Mithrandir

    Danke danke Danke Danke an Matthias von Hellfeld, dass er auf den Punkt bringt, dass es ben nicht nur schwarz oder weiß gibt.
    Dass niemand patentrezepte in der Tasche hat, die Probleme auf der Stelle lösen. Sondern dass auch in der Politik ab und zu trial and error notwendig ist und man nicht nur uaf den Politikern rumkloppen sollte, weil einem die Entscheidungen nicht passen. Ich denke es wird zu wenig Repekt dafür gezeigt, den Mut zu haben Entscheidungen zu treffen.
    Und manchmal gehört auch Mut dazu erst mal eine Entwicklung abzuwarten und nicht gleich mit dem Holzhammer darufzuhauen.
    Politische Entscheidungen haben oft Auswirkungen, die so spät sind, dass sie manchmal der Nachfolgeregierung zugeschrieben werden.

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  5. Dirk Moebius

    Ich muss zugeben, ich hab auch erst mal geschluckt, als holgi meinte, so eine Verhaftungswelle habe es ja selbst bei Hitler nicht gegeben…
    Wir im Osten hatten die Verhaftungswellen nach dem Reichstagsbrand ja noch im Geschichtsunterricht…

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    1. holgi Artikelautor

      Jau, den Reichstagsbrand hatte ich echt nicht auf dem Schirm. Ich dachte da eher an Stauffenberg und co.

  6. Tarifkenner

    Laut Matthias von Hellfeld hat Hitler nach dem gescheiterten Anschlag und Umsturzversuch fünf- bis sechstausend Menschen umbringen lassen. Holger sagt dazu: „Oh, doch so viele, ich dachte es wären nur ein paar hundert gewesen, wieder was gelernt“ (Minute 12:10).

    Wikipedia bestätigt allerdings das Gedächtnis von Holger: „Etwa 200 Personen wurden von Hitlers Gefolgschaft als (vermeintliche) Attentäter oder Mitwisser getötet oder in den Tod getrieben.“ Also möchte man Holger zurufen: „Du hast in der Schule oder wo auch immer so gut gelernt, dass Du dieses Wissen nicht ungeprüft durch Informationen von Matthias von Hellfeld ersetzen lassen solltest.“

    Ich finde, dass Matthias von Hellfeld ein unterhaltsamen Gesprächspartner ist, der sich auch mit Holger gut ergänzt, aber seine historischen Ausführungen halten oft einer Überprüfung nicht stand. Zum Beispiel strotzte die Sendung zum 19, Jahrhundert nur so Fehlinformationen, dass es mich in den Fingern juckte, eine Gegendarstellung zu schreiben. Ob sie noch jemand lesen würde, wenn ich sie jetzt schriebe?

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    1. Paul

      Nach einer schnellen Recherche mit den Stichworten „Stauffenberg, Attentat, Konsequenzen“ finde ich da sehr unterschiedliche Angaben: begonnen bei den unmittelbaren Konsequenzen in den Folgetagen (110-200 Erschiessungen) bis hin zu den langfristigen Auswirkungen. Hier schwanken die Zahlen zwischen 700 bis 5000 Verhaftungen bis Kriegsende. Da Wikipedia nur die absolut unmittelbaren Konsequenzen im Artikel beschreibt, würde ich nach meinem jetzigen Wissenstand Herrn Hellfeld schon recht geben.

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