WR702 Benno Ohnesorg

 

Am 2. Juni 1967 wurde der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen. Deshalb gab die Terrorgruppe „Bewegung 2. Juni“ sich diesen Namen. Matthias von Hellfeld erzählt.

Die passende Ausgabe “Eine Stunde History” läuft am 4. Juni 2017 auf DLF nova. 

9 Gedanken zu „WR702 Benno Ohnesorg

  1. Michael

    Schön, dass ihr dieses Thema aufgreift. Ohne den Tod von Benno Ohnesorg hätten einige wichtige Veränderungen im deutschen Polizei- und Justizsystem nie stattgefunden. Ich hatte mich vor einigen Jahren ein wenig mit dem Thema beschäftigt und würde gerne einige Details ergänzen.

    Der Schuss auf Benno fand in der Krummen Straße Nr. 66/67 statt, einem Hinterhof.

    Karl-Heinz Kurras war als ein „Greifer“ in Zivil unterwegs und sollte „Füchse jagen“, also Rädelsführer ausfindig machen und festnehmen. Da es keine gab, wurden alle, die irgendwie auffällig waren, herausgezogen. Das rote Shirt von Benno war wohl genug.

    Während des Schuss, ich glaube das hättet ihr betonen müssen, war Kurras nicht alleine. Sondern neben ihm waren zwischen 10 und 35 Polizisten im Hinterhof. Die haben versucht, alle rauszujagen bis wohl nur noch Ohnesorg rumstand. Er soll versucht haben, wegzulaufen, habe sich dann aber „ergeben“. Wie’s heute rekonstruiert wird, hatte Kurras einen Kollegen, den Kriminalkommissar Schultz, an der Schulter weggeschoben, seine Waffe gezogen und dann einfach geschossen. Einen Grund gab es nicht. Davor wollen Zeugen noch „Bitte, bitte, nicht schießen!“ gehört haben. Nach dem Schuss soll dann ein Kollege, wer ist unbekannt, Kurras mit den Worten „Kurras, gleich nach hinten! Los, schnell weg!“ weggebracht haben.

    In einem Bericht gab Kurras dann später an, er sei von Protestlern bedrängt und mit Messer bedroht worden. Einige hätten versucht, seine Waffe zu greifen, woraufhin er einen Warnschuss abgab – der Ohnesorg „zufällig“ getroffen habe. Bis zur Verhandlung wurde diese Version mehrfach geändert. Viele der Kollegen, die vor Ort waren, wollten später nichts gesehen oder mitbekommen haben. Darunter auch Schulz und der Polizeigewerkschafter Geier, die direkt Kurras standen, wie TV- und Bildaufnahmen später bewiesen. Ebenso wurden Aussagen von Zeugen ignoriert.

    Was die Leiche von Ohnesorg angeht, da wurde nicht nur ein Stück des Schädels entfernt, sondern auch die Haut darüber vernäht, so dass das Loch nicht mehr zu sehen war.

    Wie mittlerweile bekannt, war Kurras nicht nur Stasi-Spion, sondern auch Waffennarr. Er hat seinen gesamten Stasilohn für Munition ausgegeben. Daher wird vermutet, dass er die „Gelegenheit“ einfach genutzt hat, mal einen Menschen statt einer Zielscheibe abzuknallen. Andere Theorien gehen in die Richtung, die Stasi hätte die Ermordung eines Protestlers angeordnet, um Unruhe ins Gesellschaftssystem der BRD zu bringen.

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    1. Matthias von Hellfeld

      Sehr richtige und wichtige Anmerkungen, die wir in unserem Gespräch nicht beachtet haben, weil sie in der Sendung bei DLF NOVA behandelt werden. Danke für die kritische Begleitung unserer Bemühungen!

    2. Michael

      Danke, Matthias, sehr nett. Die Sendungen bei DLF NOVA höre ich leider nie, da mir die Moderation dort einfach nicht gefällt. Da höre ich dich doch lieber bei Holgi ; )

      Aber dennoch: Ich glaube, eine etwas stärkere Rahmung mit einigen detaillierteren Infos hätte die Sendung hier doch aufgewertet und die historische Prägnanz dieser Hinrichtung stärker hervorgehoben. Etwas, dass auch wirklich richtig, wichtig und dringlich gewesen wäre.

      Bitte nicht als Kritik, sondern nur als mein persönliches Empfinden verstehen. Aber auch wenn diese Sendungen vielleicht „nur“ ein Teaser zur DLF-Sendung sind, sollte man doch den entsprechenden historischen Epochen und Ereignissen gerecht werden.

  2. Robert

    Hallo Holgi und Matthias,

    wie immer eine spannende Folge. Ich möchte jedoch etwas zu Matthias‘ Punkt am Ende des Podcasts „..denn das (an die 70 Jungfrauen) glaubt doch nicht der Dümmste.“ anmerken.

    Ich denke Matthias unterschätzt die Glaubensbereitschaft von Anhängern militanter islamistischer Bewegungen an den Wahrheitsanspruch ihrer Glaubensinhalte stark. Tatsächliche Wortgäubigkeit religiöser Texte ist im islamischen Religionsumfeld selbst in vom Islamismus weit entfernten Teilen der Gesellschaft weiter und intensiver verbreitet als von nichtislamischen Menschen üblicherweise angenommen wird. Islamisch sozialisierte Menschen sind daher für kreative Glaubensinhalte weitaus offener als der quasi völlig von den tatsächlichen Glaubensinhalten distanzierte Großteil der Christen in Europa, der im Christentum in der Regel lediglich stark an humanistische Mehrheitsmeinungen angepassten moralischen und kaum noch historischen und inhaltlichen Wahrheitsanspruch sieht.
    In der Islamischen Welt ist dies völlig anders, und religiöser Fundamentalismus verfügt über besonders perfide Merhoden, dieses Glaubenspotenzial effektiv auszunutzen.
    Das Kernnarrativ des Islamismus ist eine Rückbesinnung auf die Werte einer idealisierten Epoche, was als Lösungsweg erfahrener oder angenommener Misstände angesehen wird: Die als moralisches Ideal angesehene Zeit Mohammeds und die in der religiösen Geschichtsschreibung als goldenes Zeitalter beschriebene islamische Expansion. Die kausale Kette ist hierbei in etwa so:
    Gottes Wille ist unmissverständlich in heiligen Texten festgehalen. Da Gott allwissend ist, verfasste er die Texte vorausschauend auf eine Weise, nach welcher sie von wahren Gläubigen nicht Missverstanden werden können und deshalb wortgeträu zu befolgen sind. Das Leid der Welt (in diesem Fall: Armut, Krieg, gefühlte kulturelle Bedrohung durch westliche Werte, einen angenommenen Kreuzzug des Westens gegen den Islam) ist auf die mangelnde Umsetzung des Willen Gottes zurückzuführen, der Abtrünnige bestraft. Wortgeträue Ausübung wird diese Missstände beseitigen, da Gott seinen wahren Anhängern gegenüber gütig ist. Der islamische Kulturraum wird dadurch politisch und wirtschaftlich prosperieren und sich die Utopie der Zeit Mohammeds wiederherstellen. Kräfte welche die fundamentalistische Religionsausübung beschränken oder verhindern wollen, handeln im Auftrag des Gegenspieler Gottes und versuchen das zu verhindern.
    Folglich ist für die Islamisten eine möglichst wortgeträue Auslegung der religiösen Texte und eine möglichst detailgetreue Befolgung der darin enthaltenen Handlungsleitlinien das anzustrebende Optimum. Aufgrund der dadurch entstehende Effekte wie die hohe Geburtenrate, geringe oder gar verbotene nichtreligiöse Bildung, militärische (Gegen)Gewalt und kulturelle Immunisation nach- sowie Ablehnung von aussen wirkt sich fundamentale Religiosität ab einer gewissen Verbreitung stark selbstverstärkend auf die Überzeugungsintensität und Anzahl der Anhänger aus… womit wir wieder bei den Missständen vom Anfang aus. Folglich muss eben noch wortgeträuer geglaubt werden.
    Dieser Effekt der eskalierenden Rückbesinnung auf fundamentale Glaubensbestandteile als Lösungsansatz weltlicher Probleme lässt sich in den abrahamitschen Buchreligionen immer wieder beobachten: Ikonoklasten in Byzanz, Bilderstürmer im 16. Jhdt., die Ultraorthodoxen in Israel und eben die seit einigen Jahrzehnten bestehende, durch den saudischen Wahhabismus befeuerte und in Korrelation zu demographischen Problemen stattfindende Fundamentalisierungstendenz in der Islamischen Welt.

    Dass das im Bezug auf den Terrorismus nur ein Faktor einer multikausalen Gemengelage ist, ist mir natürlich klar.

    Kurz: ich denke, dass starke Religiosität immer am Anfang der Kausalkette islamistischer Radikalisierung steht ist und ich bin der Ansicht, dass freiwillige IS-Kämpfer wirklich an die 70 Jungfrauen oder sonstige Belohnungen im Himmel glauben.

    Bei Interesse an der Gedankenwelt der Islamisten empfehle ich Folge 56.2 „Strömungen des Islams“ des Ketzer 2.0- Podcasts:
    https://ketzerpodcast.wordpress.com/2017/02/03/56-2-stroemungen-des-islams-ein-gang-durch-die-jahrhunderte/

    sowie ein paar Pierre-Vogel-Videos:
    https://m.youtube.com/user/PierreVogelDe

    und die Lektüre der englischsprachigen Zeitschriften des IS, „Dabiq“ und „Rumiyah“:
    http://jihadology.net/category/dabiq-magazine/
    http://jihadology.net/2016/11/11/new-release-of-the-islamic-states-magazine-rome-3/

    Grüße,
    Robert

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    1. Njorgorg

      Ich will anmerken, dass es nicht starke Religiosität ist, die das erste Problem darstellt, sondern die von dir geschilderte Auffassung von Religion im Sinne von wortwörtlicher Auslegung einer als heilig angenommenen Schrift. Erst wenn diese bestimmte Form ins Extrem getrieben wird, haben wir Konfliktpotential.

      Darüber ließe sich aber auch streiten, ob das wirklich der Ausgangspunkt ist, oder ob nicht vielmehr ungünstige Rahmenbedingungen überhaupt erst solche Überzeugungen​ attraktiv btw schlüssig machen.
      Wenn ich die westliche​ Welt als Bedrohung erfahre, bestätigt sich scheinbar der gegenüber „Ungläubigen“ gnadenlose Teil des Korans, was dann die entsprechenden Konsequenzen als schlüssige Handlungsoptionen ins Blickfeld rücken lässt…

  3. Nykon

    Die Frau Hausmann ist Geschichtslehrerin in München. Mochte die Frau nie, bis sie die Geschichte erzählt hat.

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  4. t.jay

    Also ich gehe durchaus davon aus, dass die 70 Jungfrauen von einigen Islamisten erwartet werden.

    Menschen glauben auch, dass die Erde eine Scheibe ist und das wir von Reptiloiden regiert werden.
    Solche Absurditäten werden sogar für das Diesseits angenommen..
    Warum also nicht 70 Jungfrauen für das Jenseits?

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  5. Tien

    Danke für diesen tollen Beitrag. Hab zum ersten Mal bei KenFM davon gehört. Es gab ja auch einen TV-Bericht darüber, aber erst sehr spät. Aber zum Glück gibt es ja die Mediathek!

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