WR616 Die Völkerwanderung

 

wrint_geschichtsunterricht_120Anfang des 5. Jahrhunderts beginnt in Europa die Völkerwanderung. Oder vielleicht auch nicht. Matthias von Hellfeld erzählt.

Die passende Ausgabe “Eine Stunde History” läuft am 30.10.2016 auf DRadio Wissen.

8 Gedanken zu „WR616 Die Völkerwanderung

  1. Norbert

    Es ist leider nur kurz angedeutet worden: Im 4. Jh. ging das Römerzeitliche Klimaoptimum zu Ende. Das war eine Warmphase, die 500-600 Jahre dauerte, und unter anderem Weinanbau in Südengland ermöglichte (Sie läßt sich relativ gut über die erhaltenen landwirtschaftlichen Lehrbücher dieser Zeit nachvollziehen, in denen beschrieben wird, welche Pflanzen wo mit welchem Aufwand kultiviert werden können – man muß nur vergleichen, wie sich diese im Laufe der Zeit verändern). Die Gletscher gingen zurück, die Baumgrenze stieg, der Handel über die Alpen und Pyrenäen wurde einfacher. Außerdem gingen die landwirtschaftlichen Erträge nach oben, die Bevölkerung wuchs – nicht nur im Römischen Reich. Als das Klimaoptimum zu Ende ging, und die Erträge nachließen, konnte das Land nicht mehr die Menge Menschen versorgen, die dort lebten, und nach und nach dürfte eine Wanderungsbewegung in Gang gekommen sein. Einige Landstriche sind dabei so unatraktiv geworden, daß sie nahezu vollständig geräumt wurden und mehrere Generationen lang nur noch sehr dünn besiedelt waren (z.B. das Gebiet zwischen Elbe und Weichsel). Die erwähnten Soldatenkaiser fallen übrigens in eine Zeit, in der das Optimum sein Höhepunkt bereits überschritten hatte, und sich die ersten Effekte der Klimaabkühlung bemerkbar gemacht haben dürften.

    Was ich im Zusammenhang mit den Hunnen immer interessant finde: Zwischen 300 und 350 zerschlagen die Chinesen die Xiongnu, die zuvor 500 Jahre lang ihre Nordgrenze bedrohten, und vertreiben die Reste dieses Nomadenvolkes Richtung Westen. 375 tauchen dann die Hunnen in Europa auf.

    Kleiner Exkurs zur Aussprache: X wird im Chinesischen ähnlich dem CH im deutschen „Ich“ ausgesprochen. Wenn man das etwas verschleift, kommt man von Xiongnu leicht über Chonnu zu den Hunnen. Es läßt sich heute aber nicht mehr nachvollziehen, ob und welche Verbindung es zwischen beiden Völkern tatsächlich gab.

    Es ist auch nicht so, daß Ostrom von der Völkerwanderung verschont geblieben wäre. Genau genommen musste es sogar die erste Welle auffangen. 378 verlor es bei Adrianopel (heute Edirne, Türkei) eine Schlacht, in deren Folge sich die Westgoten im heutigen Bulgariens ansiedeln konnten. 395 rückten dann die Hunnen in Bulgarien ein, die Westgoten machten ihnen Platz, und zogen ein paar Jahre plündernd über den südwestlichen Balkan. Letztlich war Ostrom aber tatsächlich stabiler und wohlhabender als Westrom, und konnte sich des Ansturms erwehren. Seine Kontrolle über den Balkan war für die nächsten 200 Jahre aber nur noch fragil, und brach im Zuge des Perserkrieges (ca 600-630) völlig zusammen.

    Und da ich schon mal bei den Persern bin: Auch das Persische Reich hatte im 4. und 5. Jh mit Völkern zu tun, die über die Nordgrenzen Richtung Süden drängten, und zum Teil sogar bis Nordindien vordringen konnten (Persien umfasste damals unter anderem auch große Teile Afghanistans und Pakistans).

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    1. Matthias von Hellfeld

      Donnerwetter! Aber die Frage nach dem Anstoß der Wanderbewegung bleibt davon unberührt, wenn man die Klimaoption als nicht so dominant erkennt. Die Argumente jener Historiker, die sagen, es waren nicht die Hunnen, die die Bewegung auslösten, sind stark: von inneren Kämpfen geschwächtes weströmisches Reich heuert Germanen als Föderaten zur Sicherung der Außengrenzen an, die als gut organisierte Kriegerverbände durch den Kontinent ziehen.

    2. Norbert

      Wie so oft in der Geschichte wird man nicht den einen auslösenden Faktor bestimmen können. Da werden eher eine ganze Reihe von Faktoren zusammengespielt haben.

      Der Punkt am Klima ist, daß das nicht nur zu Druck auf die Völker außerhalb des Reiches geführt hat, sondern auch innerhalb des Reiches zu Problemen führte. Schlechtes Wetter sorgte auch dort für sinkende Erträge, damit für sinkende Steuereinahmen und weniger Geld für die Armee. Nicht umsonst waren die Foederati im Wesentlichen Wehrbauern – wurden für ihre Dienste also nicht mit Geld sondern mit Land entlohnt.

      Generell begann Rom mit Beginn des 4. Jh. in eine lang anhaltende Wirtschaftskrise zu rutschen. Die umlaufende Geldmenge scheint zurück gegangen zu sein (weniger Münzfunde), die Bauttätigkeit in den Provinzen hat definitiv nachgelassen (archäologisch fassbar), und zu Beginn des 5. Jh bricht in den ersten Provinzen das Geldsystem völlig zusammen (keine Münzfunde mehr). Die Völkerwanderung war dann nur noch der letzte Stoß, der diesen Koloss auf tönernen Füßen zum Einsturz brachte.

  2. Paul

    Einige Anmerkungen:
    Die „Dekadenztheorie“ wird heute nicht mehr diskutiert. Auch das Christentum als Auslöser für den Niedergang ist eine seit Jahrzehnten nicht mehr vertretene These.
    Norbert macht ihn seinem Kommentar einen möglichen Zusammenhang zwischen Xiongnu und Hunnen auf. Dafür gibt es jedoch keine schriftlichen oder archäologischen Belege. Die These wird von den meisten Wissenschaftlern verworfen. (Mit Xiongnu sind schon in den chinesischen Quellen verschiedene Gruppen bezeichnet worden.)
    Wer mit den Hunnen gemeint ist, variiert in den römischen und griechischen Quellen je nach Ort und Zeit. Auch die Hunnen aus Anfangszeit der Völkerwanderung ist wohl eine Bezeichnung für verschiedene heterogene Gruppen. Einige von Ihnen drangen auch in Ostrom ein und standen später sogar in den Diensten Ostroms.

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